Logo für Hannes Niederhausen Autorenseite

Hannes Niederhausen

Herzlich willkommen auf meiner Autorenseite.

Spätes Erwachen

So undurchsichtig ist das Geflecht der schlanken biegsamen Zweige, dass man den nächsten Schritt nur erahnen kann. Seine Stimme donnert hinter ihr. »Christine! Komm zurück!«

Sie wischt die Zweige zur Seite, geht einen Schritt voran und schon springen die Zweige zurück und bestrafen sie für die Störung ihrer Ruhe. Ihr Rücken schmerzt, sie spürt, wie das Blut herunterläuft, über ihren Po fließt. Doch sie will nicht zurück, kann nicht zurück, ohne zu wissen, was vor ihr liegt.

»Christine! Sei doch vernünftig.«

Hinter ihr kämpft er sich ebenfalls durch die Zweige. Sie muss sich beeilen, bevor er sie zurückbringen kann.

***

Er sah gut aus. Sie mochte seine blauen Augen, die unter der blonden Tolle an seinem Kopf strahlten. Er lächelte freundlich. »Guten Morgen«, hauchte er. »Zeit, um aufzustehen.«

Sie erhob sich, leckte ihre Lippen und schmeckte etwas, das sie nicht zuordnen konnte. Er beugte sich vor, wollte sie küssen und ihr wurde klar, was er getan hatte. Sie ohrfeigte ihn und er schrak zurück, hielt sich die Wange und konnte den entsetzten Blick nicht von ihr lassen.

»Wie können Sie?«, rief sie. »Maria! Komm sofort her!«

Doch ihre Zofe kam nicht. Christine sprang auf, nahm sich den Morgenmantel von dem Stuhl und erst als sie ihn überwarf, bemerkte sie, wie staubig er war. Viel zu staubig. Sie wickelte ihn um sich und schrie, als der verfluchte Mantel riss.

»Was geht hier vor?« Sie schaute den Fremden an, der jetzt lachte.

»Alles ein bisschen alt hier. Ihr solltet vorsichtig sein, Prinzesschen.«

Sie schaute ihn fragend an. Was redete er da? Alt? Hier war alles neu, den Morgenmantel hatte sie doch erst gestern bekommen, zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Vater brachte ihn ihr ans Bett, noch bevor Maria im Zimmer stand. Sie musterte den Fremden. Er trug eine gelbe Lederhose über einem weißen Hemd. Auf seiner Brust lag ein Gestell, das der Brille ihres Lehrers ähnelte, doch die Gläser waren schwarz. Sie schüttelte den Kopf, um die Verwunderung über das merkwürdige Ding abzuschütteln. Es gab Wichtigeres zu klären, wie zum Beispiel den Aufenthalt ihrer Zofe.

»Maria!«, schrie sie erneut und endlich betrat sie den Raum.

»Verzeiht, Prinzessin, ich war in der Küche eingeschlafen und sie ist …« Maria stockte der Atem, als sie den Fremden sah. »Was machen Sie hier?«, keifte Maria nun in ihrem herrischsten Ton. »Verlassen Sie sofort die Gemächer der Prinzessin!«

Der Fremde krümmte sich vor Lachen und musste sich sogar am Bett festhalten. Christine sah ihn verwundert an. Der Mann war eindeutig wirr. Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Wie konnte so ein Mann bis in ihre Gemächer gelangen?

»Maria, haben Sie eine Wache gesehen?«

»Natürlich, Prinzessin. Walther steht am Treppenaufgang. Ich muss jedoch gestehen …«, sie hielt inne. Der Fremde rieb sich die Augen trocken, holte tief Luft und beendete ihren Satz: »… dass er geschlafen hatte.«

»Was?«, schrie Christine und schaute Maria vorwurfsvoll an.

»Ich kann das erklären«, sagte der Fremde. »Bitte, Christine. Lasst es mich erklären.«

»Es heißt Prinzessin Christine«, keiften Maria und Christine gleichzeitig. Wie von den Worten geschlagen, wich der Mann zurück.

»Walther!«, schrie Christine und sogleich konnte sie die klappernde Rüstung der Wache hören. Quietschte sie auch?

Als Walther durch die Tür schritt, sah er den Fremden: »Was zum …«, rief er, rannte auf den Mann zu, der einen Schritt zur Seite setzte und zusah, wie die Wache an ihm vorbei stolperte und auf Christines Bett fiel.

»Walther!«, rief Maria.

Mit offenem Mund schritt Christine auf den Wachmann zu, den Blick auf eine rote Stelle auf dem Rücken seiner Rüstung gerichtet. Blut? Nein, sicher nicht. Walther versuchte, sich aufzustemmen, doch er schien keine Kraft zu haben.

»Warte!«, befahl Christine und strich mit dem Finger über die Rüstung.

»Aber das ist doch unmöglich«, murmelte sie, als sie den Rost zwischen Daumen und Zeigefinger zerkleinerte. Sie schaute über die quietschende Rüstung hinweg, der Fremde nickte, als wüsste er, was in ihrem Kopf vorging.

»Wie lange?«, fragte sie.

»Prinzessin?«, sagte Maria ängstlich, doch Christine reagierte nicht. Ihr Blick ruhte auf den Augen des Fremden. »Wie lange?«

»Einhundert Jahre«, sagte er. »Für Euch nicht, denn Ihr habt geschlafen. Alles um Euch herum ist gealtert, wenn auch sehr langsam. Die Zeit gänzlich anzuhalten vermochte der Zauber nicht.«

Einhundert Jahre. Diese verfluchte Spindel.

»Warum jetzt?«

Der Mann reichte ihr die Hand, sie nahm sie und ließ sich an das Fenster führen. Vom Turm aus konnte sie die komplette Südmauer überblicken. Doch dahinter erstreckte sich ein Dornbusch, so hoch, dass sie nichts dahinter erkennen konnte.

»Es haben viele versucht, doch niemand hat es durch die Dornen geschafft.«

»Ihr seid der Erste?«

Er schüttelte den Kopf.

»Es gab andere, doch diese schliefen ein, wie …«

Sie hörte das Klappern von Metall auf Metall. Jemand kämpfte. »Was geht denn da vor?«, schrie sie nun durch das Fenster und ihre Stimme hallte durch den ganzen Hof. Kämpften die anderen um sie?

»Ich muss hier raus!«, rief sie, wandte sich vom Fenster ab und rannte, am Bett und an Maria vorbei, durch die kleine Tür, die Wendeltreppe herunter, weiter und weiter, bis sie das Ende der Treppe erreichte.

»Prinzessin«, rief der Fremde hinter ihr her, doch sie wollte weg. Weiter hinaus aus dem Schloss, das konnte alles nicht sein. Wenn sie sehen würde, was hinter den Dornen lag, würde sie sich besser fühlen. Wie konnte der Busch so hoch wachsen? Sogar höher als der Turm!

Wie viel Zeit würde das dauern. Er hatte gesagt, die Zeit lief langsamer weiter, doch sie selbst fühlte sich nicht älter, sie selbst war noch achtzehn. Frisch, jung und lebendig. Bei Gott, sie war lebendig, und das hieß, sie musste die Welt sehen.

Als sie die Dornen erreichte, achtete sie gar nicht mehr auf die Stimmen der Wachen hinter ihr. Zu ihrer eigenen Überraschung war es gar kein Problem, die Zweige zur Seite zu schieben, sich einen Tunnel in die Freiheit zu bahnen, auch wenn dieser sich hinter ihr peitschenhiebgleich wieder schloss.

 

***

»Christine, wartet!«

Doch sie wartet nicht. Sie will keine Erklärungen. Sie will hinaus, sehen, wie die Welt jenseits der Dornenwand aussieht.

Sie hat das Zeitgefühl verloren, ihr wird schwindelig, doch sie beißt die Zähne zusammen, kämpft sich weiter durch. Entweder ist sie am Ende ihrer Kräfte angelangt oder am Ende der Dornenwand, denn vor ihr wird es heller.

»Christine!«, ruft der Fremde hinter ihr. Er scheint ebenfalls an Kraft zu verlieren. Sie schaut zurück, kurz nur, doch kann nichts sehen.

»Weiter«, murmelt sie. »Immer weiter.«

Wie beim Schwimmen im Teich bewegt sie die Arme abwechselnd nach vorn und zieht sie, mit Zweigen in den Händen, nach hinten. Weiter, immer weiter. Und dann endlich ist es soweit. Sie spürt, wie sich die letzten Dornen in ihren Rücken bohren, als die Sonne sich in ihre Augen brennt. Christine blinzelt, einmal, zweimal, hält sich die Hand vor die Augen, doch es ist alles so furchtbar hell. Wie lange ist sie in den Büschen gewesen? Warum können ihre Augen diese Sonne nicht vertragen?

Sie schreit auf, als die Hand ihre Schulter drückt. Langsam führt sie sie zurück, Schritt für Schritt zurück in die Dornen.

»Was tut Ihr«, fragt sie, will die Hand wegwischen, doch sie krallt sich tiefer in ihr Fleisch. Es schmerzt, sie stöhnt, doch will nicht schreien. Diese Genugtuung gönnt sie ihm nicht.

»Ihr müsst zurück, die Sonne wird Euch schaden«, murmelt er.

Schaden? So ein Unsinn, sie liebt die Sonne und die Sonne liebt sie. Aber warum kann sie dann nicht die Augen öffnen?

Er zieht sie weiter nach hinten und sie lässt es geschehen. Den Kopf gesenkt, kann sie endlich die Augen öffnen. Ihr Füße sind rot. Vor ihr befinden sich blutige Fußabdrücke. Ihr wird schwindelig und die ersten Dornen bohren sich in ihre Arme.

Nein, denkt sie. Sie wird sich nicht ergeben. Sie atmet tief ein, reißt den Kopf hoch und für einen Wimpernschlag sieht sie die öde Wüstenwelt, dann schreit sie und das Bild brennt sich in ihre Augen. Es ist das Letzte, was sie sieht.

»Das hättest Du nicht tun sollen«, sagt der Prinz und drückt sie eng an sich.