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Hannes Niederhausen

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Siedler 125

»Mir ist so kalt.« Dein erster Gedanke. Deine Augen sind noch geschlossen. Du spürst nur die Kälte in Deinen steifen Gliedmaßen. »Warum ist es so kalt?«

Du versuchst Dich zu erinnern, doch nur vage tauchen Bilder, Schemen gleich, hinter einer Nebelwand hervor. Ein Schiff, denkst Du. Ein Raumschiff?

Du scheiterst daran, die Augen zu öffnen. Sie scheinen von irgendeiner Masse verklebt zu sein. Deine Arme sind ebenfalls viel schwerer, als Du sie in Erinnerung hattest. Beine?

Gleiches Problem. Du steckst fest. »Wo?«, fragst Du Dich. Du nimmst einen tiefen Atemzug, spürst, wie Dein Inneres weiter abkühlt und dann lässt Du die aufgewärmte Luft mit einem Seufzer entkommen. Dein Mund ist offen, er fühlt sich taub an.

»Guten Morgen, Siedler 125«, sagt eine Stimme. Sie kommt Dir bekannt vor, doch auch diese Erinnerung ist noch verschleiert.

»Bitte bleibe ruhig, während ich die Aufwärmphase einleite.«

Aufwärmphase? Gut, es wird wärmer.

Worauf Du auch immer liegst, es ändert seine Position, richtet Dich auf und gleichzeitig läuft Dir eine breiige Flüssigkeit die Wangen herunter. Dann ein kalter Spritzer Wasser und Du reißt Deine Augen auf. Doch sehen kannst Du immer noch nichts. Um Dich herum ist alles schwarz.

Nein, nicht ganz. Im Augenwinkel erkennst Du eine kleine blaue Leuchte. Ihr Schein reicht nur wenige Zentimeter weit.

»Hallo. Wie geht es dir?«

»Wer?«, krächzt Du und räusperst Dich sogleich. Es ist, als hättest Du seit Wochen nicht mehr gesprochen. Die Stimme schweigt. Reagiert sie gar nicht auf Dich oder hat sie Dich einfach nicht verstanden?

Du versuchst es erneut: »Wer bist du?«, bekommst Du angestrengt heraus.

»Siedler 125. Bitte beruhige dich!«

Keine Antwort auf Deine Frage. »Beruhigen? Wie soll ich mich beruhigen?«, schreist Du in die Dunkelheit. »Wo bin ich? Wer bist du? Was ist das alles hier?«

Die Stimme sagt nichts, doch eine Reaktion bekommst Du trotzdem, in Form von etwas Licht. Der ganze Raum scheint plötzlich einen schwachen Schimmer von sich zu geben und Du musst feststellen, dass Raum eine Hyperbel ist. Um Dich herum ist ungefähr ein Meter Platz, bevor die Wände beginnen. Die Decke über Dir scheint weiter entfernt zu sein, als säßest Du in einem Ei.

Du beugst Dich zur Seite, schaust nach hinten, doch auch dort ist nur eine Wand. Der einzige Unterschied ist das blau pulsierende Leuchten.

»Ich bin gefangen«, murmelst Du und spürst, wie sich Dein Hals zuschnürt. Es ist wieder wie früher, als Vater Dich in den Schrank gesperrt hat, während die Männer Mutter abholten. Du spürst die Angst in Dir aufkeimen, atmest schwer.

»Siedler 125, bitte beruhige dich!«

Die Stimme hat leicht reden.

»Ich kann nicht. Ich muss hier raus!«, antwortest Du und versuchst Dich auf Deine wackligen Beine zu stellen. Alles dreht sich, Dir wird schwarz vor Augen, als würde das Licht am Rand Deines Sichtfelds wieder gedimmt werden.

Doch Du weißt es besser. Es ist die Enge, es ist wie in dem Fahrstuhl, der Dich vor ein paar Monaten – wie viele sind es nur? – auf das Schiff gebracht hatte. Vier quälende Stunden. Was hattest Du damals getan?

Du lehnst Dich vor, Deine Knie sind weich, können Dich kaum tragen – die Panik oder hat es einen anderen Grund?

»Bitte, lass mich raus«, sagst Du nun in weinerlichem Ton.

»Siedler 125, die Außentemperatur beträgt 25 Grad Celsius unter Null. Ein Ausstieg ist nicht möglich.«

Nein! Das kann nicht möglich sein. Du bist gefangen, wie im Fahrstuhl, wie im Schiff. Doch das Schiff war weit weniger ein Problem gewesen, schließlich hatte es unzählige Fenster, aus denen man die Weite des Alls sehen konnte. Wenn es ganz schlimm kam, hast Du Dir vorgestellt, wie es wäre, im Raum zu schweben, die Unendlichkeit um Dich herum. Das hatte geholfen. Doch jetzt?

»Wann kann ich heraus?«, fragst Du und bist überrascht, dass Deine Stimme so fest klingt. Doch der Computer, etwas anderes kann es schließlich nicht sein, antwortet Dir nicht.

Du spürst die Panik in Dir aufsteigen. Nein! Lass es nicht zu, bleib ruhig. Du musst ruhig bleiben, Siedler 125!

Du siehst Deinen Atem und damit wird Dir wieder bewusst, wie kalt es in Deiner Zelle ist.

»Kannst du nicht die Temperatur erhöhen?«

»Eine höhere Temperatur ist im Moment nicht ratsam.«

»Weshalb?«

»Die Energiereserven der Kapsel sind begrenzt. Die Ankunft eines Rettungsteams ist nicht berechenbar, deshalb müssen die Reserven geschont werden.«

»Und ich erfriere?«

Stille, dann: »Unter der Liege befindet sich eine Thermodecke. Setz dich zurück in die Liege und spare Deine eigenen Reserven.«

Du beugst Dich nach unten, findest eine kleine Kiste, in der sich nicht nur eine Decke, sondern auch Wasser und ein paar Notrationen befinden.

Deine Hände beginnen zu zittern. Warum ist es nur so kalt, denkst Du.

Du ziehst die Decke aus der Kiste, legst Dich wieder in die Liege und starrst nach oben. Die Wände scheinen auf Dich zuzukommen. Du kneifst die Augen zusammen, versuchst nicht, an die Enge Deiner Umgebung zu denken, doch die alte Panik legt sich um Deinen Hals, sanft nur, doch eine freundliche Erinnerung daran, wo Du bist und dass Du auf keinen Fall hier sein willst.

Du denkst nach, versuchst Dich zu erinnern, wie Du hier hergekommen bist, doch der Schleier ist zu stark, führt Dich weiter in die Vergangenheit, zurück auf das Schiff. Du hattest Dich freiwillig gemeldet, nicht wie Mutter. Das waren andere Zeiten gewesen, Dich hätten sie auch mitgenommen, wenn Vater Dich nicht versteckt hätte.

Die Panik schnürt Deinen Hals weiter zu.

»Wer bin ich?«, rufst Du, und der Computer schweigt. »Warum bin ich hier?« Schweigen. »Was soll ich denn nur tun?«

»Schweig und spare die Energie der Luftreinigung, Siedler 125.«

»Du hörst mich also?«

»Ich spare Energie. Dein Wohl hat höchste Priorität.«

»Dann erkläre mir, was passiert ist«, forderst Du.

»Das würde zu viel Energie in Anspruch nehmen. Wissen ist in Deiner aktuellen Lage irrelevant.«

»Das ist Unsinn«, Deine Stimme verwandelt sich in ein Quieken. Die Panik hat Dich in ihrem Würgegriff. »Ich muss wissen, wie lange ich hier drin bleiben soll. Ich muss hier raus! Verstehst du? Ich halte es in engen Räumen nicht lange aus.«

»Ein merkwürdiges Verhalten für einen Siedler, der acht Monate in einem Schiff verbrachte«, antwortet der Computer nachdenklich. Ist er etwa neugierig geworden?

Du reißt die Decke von Deinem Körper und sogleich durchfährt Dich ein eiskalter Schauer. Du springst auf, zum blauen Licht, beugst Dich vor und flüsterst: »Lass mich hinaus!«

Das Licht flackert. »Das kann ich nicht. Du würdest draußen erfrieren.«

»Dann erfriere ich halt!«, keifst Du und richtest Dich auf, um die Wände abzuklopfen. Alles klingt metallisch, klingt hohl, doch kannst Du Dich da durchschlagen? Mit den Händen wohl kaum.

Die Panik löst ihren Griff ein wenig, lässt Dir mehr Luft zum Atmen und Du kannst in Ruhe Deine Optionen durchdenken. Wasser und Notrationen. Mehr befindet sich in der Kiste nicht. Diese selbst besteht aus Plastik, also auch keine Chance sie durch eine Metallwand zu schlagen. Was dann? Der Liegestuhl selbst? Du lehnst Dich gegen die Rückenlehne, dann legst Du Dich darauf, doch Dein Gewicht reicht nicht aus, den Stuhl aus seiner Verankerung zu reißen. Wer weiß, wahrscheinlich wäre er eh zu schwer.

Mehr gibt es nicht.

Mehr nicht.

Du setzt Dich neben den Stuhl auf den kalten Boden und beginnst zu weinen. Du hast keine Kraft mehr, Deine Finger sind eiskalt, dein Hintern ist sicher auch schon blau, aber Du willst nicht unter die Decke, Du willst nicht auf die Liege und sinnlos nach oben starren. Warten, warten, wie lange nur und worauf denn? Hilfe. Hilfe, von wem denn?

Was hast Du Dir nur dabei gedacht? Niemals hättest Du in den Fahrstuhl steigen sollen. Schon dort hatte Dich die Panik gewarnt, aber Du wolltest ja nicht hören, wolltest kämpfen. Wofür? Für acht Monate, an die Du Dich nur vage erinnerst und jetzt den Tod durch Erfrieren?

Erfrieren. Es soll ja gar nicht so schlimm sein, man schläft ja nur ein. Toll, einschlafen, ohne die Träume, ohne Mutters Kidnapper und ohne Vaters hängenden Körper. Vier Jahre hatte er es ohne Mutter ausgehalten, doch zu Deinem achtzehnten Geburtstag hat er seinem Leben ein Ende gemacht. Du erinnerst Dich jetzt an Euer letztes Abendessen. Er feierte mit Dir in den Geburtstag. Es floss Wein. Als Du verkatert aufgewacht warst, war er verschwunden. Du spürst, wie die Panik der Erinnerung mit der Platzangst ringt. Für Dich einerlei. Du kannst kaum atmen, spürst eine Träne Deine Wange herunterlaufen. Dir ist so kalt, Du glaubst, dass sie gefrieren müsste.

»Siedler 125, bitte lege dich in die Liege«, sagt die Computerstimme nun viel freundlicher. Doch Du regst Dich nicht, Du kannst es nicht.

»Ich werde die Temperatur erhöhen«, sagt der Computer.

»Nein«, hauchst Du.

Du hattest gehofft, Mutter zu finden.

»Siedler 125, die Temperatur wird erhöht.«

Du kannst nicht mehr sprechen, schließt die Augen und lässt zu, dass sie durch die Tränen versiegelt werden.

***

Als Du sie wieder öffnest, schaust Du in strahlend blaue Augen.

»Siedler 125 ist wach, Doktor«, sagt die Frau und eine weitere Frau gesellt sich zu ihr.

»Willkommen zurück.«

Zurück? Du verstehst nicht.

»Keine Sorge. Die Erinnerungen kehren schon wieder.«

Aber das sind sie ja schon, denkst Du. Du versuchst zu sprechen, nur Deine Stimmbänder gehorchen Dir genauso wenig wie Deine Zunge.

»Siedler 125 gehört zu den Träumern«, sagt die Blauäugige.

»Herrje, informieren Sie Doktor Jansen. Sie soll gleich herkommen«, sagt die Ärztin. »Bleib ganz ruhig. Das war alles nur ein Traum. Du warst in einer Cryostasis-Kammer, manche Siedler haben furchtbare Albträume darin. Doch das ist jetzt vorbei. Schau, hier ist jemand, der mit dir sprechen möchte.« Sie zeigt auf eine weitere Frau, die etwas abseits steht.

Du blinzelst mehrfach, während sie auf Dich zukommt. Tränen hat sie in den Augen, umarmt Dich innig und als sie sich wieder von Dir löst, lächelt sie Dich an: »Willkommen zu Hause, mein Kind.«