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Hannes Niederhausen

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Marias Brief

»Das darf doch nicht wahr sein«, murmelte Nele, als sie die Limousine auf der Straße sah. Der Fahrer richtete sich den Hut, schlug die Tür zu und kam direkt auf sie zu.

»Was immer es ist, ich werde nicht mitkommen!«, rief Nele ihm zu, noch bevor er den Mund öffnen konnte.

»Sie müssen Natalie Mühlhausen sein«, sagte der Fahrer und lächelte sie an.

Natalie, so hatte man sie schon lange nicht mehr genannt.

»Ich habe keine Zeit mit ihnen zu diskutieren«, antwortete sie.

»Ich soll ihnen den hier geben, dann würden sie schon verstehen.« Er hielt ihr einen Brief hin. Sie zögerte einen Moment, schüttelte den Kopf und ging los. Doch er hielt sie fest. »Lassen Sie mich los!«, zischte Nele. »Ich möchte mit Vater nichts mehr zu tun haben.«

»Vater?«, sagte der Fahrer sanft. »Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Der Name meines Auftraggebers ist Richard von Bergen, der Dritte.« Er löste seinen Griff, doch Nele blieb wie angewurzelt stehen. Den Namen hatte sie irgendwo schon einmal gehört. Aber wo?

»Bitte, lesen Sie den Brief. Man hat mir gesagt, Sie würden dann verstehen.«

Nele las, wurde bleich und schaute den Fahrer fragend an.

»Wollen wir?«, sagte der und sie nickte.

Nele lehnte sich seufzend zurück und ließ die Fahrt über sich ergehen. Sie wusste noch nicht, was sie von all dem halten sollte. Acht Monate waren vergangen, seit Maria vom Erdboden verschwunden war. Einfach so. Ihre Rechnungen wurden weiter von Marias Konto aus bezahlt. Das nahm die Polizei als Hinweis, dass es ihr gut ginge und sie einfach nichts mehr mit Nele oder ihren Eltern zu tun haben wollte. Das Vermisstenverfahren wurde nach vier Wochen eingestellt.

Sie hielt den Brief in der zitternden Hand, eine handschriftliche Nachricht auf blassem vergilbten Papier. Sie öffnete den Zettel und las noch einmal die wenigen Worte:

Liebe Nele,
sei mir nicht böse, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich hätte Dir so viel zu erzählen gehabt, doch ich wusste nicht wie. Ich glaube, ich hatte einfach Angst. Ich habe immer an Dich gedacht und mir gewünscht, du wärst bei mir. Ich hoffe, Du warst glücklich und hast Dir nicht allzu viele Sorgen um mich gemacht.
Deine Maria.

Es ergab einfach keinen Sinn. Wovor hatte Maria denn Angst? Was hatte sie die letzten Monate getan? Immer wieder versuchte sich Nele zu erklären, warum Maria verschwunden war. Doch der Streit am Tag zuvor konnte es doch nicht gewesen sein, oder? Sie hatte sich doch nur abfällig über einen Typen ausgelassen — mal wieder. Aber Marias Beuteschema war furchtbar und sie wollte es einfach nicht verstehen.

»Nur weil Du aus reichem Elternhaus kommst und es scheiße fandest, musst Du mir doch nicht einen reichen Freund ausreden«, hatte sie sich beschwert. Hatte sie recht?

Nele hasste die High Society, allein der Gedanke an ihre Cousins und Cousinen schnürte ihr vor Wut den Hals zu. Alles oberflächliche Lackaffen. Es war ein Glück, dass sie nicht so geworden war, hauptsächlich dank Maria. Warum sie, die eher aus armen Verhältnissen stammte und auch noch keine Eltern hatte, nun ausgerechnet bei einem reichen Kerl landen wollte, war ihr völlig unklar.

Scheute sie sich davor, Nele gegenüberzutreten, weil sie jetzt doch mit einem reichen Schnösel zusammen war? Das konnte doch nicht der Grund sein, einfach spurlos zu verschwinden?

»Wir sind da«, sagte der Chauffeur. Nele hatte gar nicht mitbekommen, dass der Wagen die Bundesstraße verlassen hatte. Vor ihr erstreckte sich eine dreistöckige Villa, am Haupteingang wartete bereits jemand auf sie, kam die Stufen herunter und öffnete ihr die Tür.

»Hallo«, sagte der Mann. Er hatte eine angenehme Stimme, war glattrasiert und trug einen einfachen grauen Pullover auf weißem Hemd. Die Haare waren blond und kurz, die Augen strahlten blau. Sie erinnerten sie an Maria.

Er lächelte sie freundlich an und reichte ihr die Hand.

»Hallo«, sagte sie, nahm seine Hand und stieg aus.

»Mein Name ist Richard, herzlich willkommen.«

Er musterte sie einen Augenblick, dann wurde das Lächeln breiter.

»Was?«, fragte Nele.

»Ich habe Sie mir nur anders vorgestellt. Kommen Sie!«

Er führte sie die Stufen herauf in das Foyer des Gebäudes. Es war wie im Film. Jetzt fehlte nur noch der Butler, der ihr den Mantel abnahm, doch Richard übernahm dies selbst.

»Keine Bediensteten?«, fragte sie. Richard grinste verlegen. »Maria sagte immer, selbst ist der Mann und ein wenig Anpacken bildet den Charakter.«

Nele lächelte verlegen. »Das klingt ja gar nicht nach ihr.«

Er lachte. »Das stimmt, da ist sie ein wenig ambivalent. Einerseits sollen wir keine Bediensteten einstellen, andererseits, wünscht sie sich jedes Haushaltsgerät, das die Arbeit erleichtert.«

Er lachte wieder und es stand ihm hervorragend. Sollte Maria wirklich die Nadel im Heuhaufen gefunden haben, den einen Reichen, der nett und zuvorkommend war und nicht nur mit Geld um sich warf?

»Wo ist Maria denn?«, fragte Nele, um die Stille zu durchbrechen.

»Sie schläft. Es war ein anstrengender Tag für sie.«

»Sie schläft? Es ist 15 Uhr. Was hat sie denn …« Nele hielt inne. Acht Monate, wenn sie schon acht Monate hier war, dann …

»Haben Sie sie geschwängert?«, fragte sie.

»Was? Nein! Um Himmels willen, wie kommen Sie denn darauf?«

»Na weil … was hat sie? Warum muss sie um 15 Uhr schlafen?«

»Bitte, das sollte Sie Ihnen wirklich selbst erklären. Bitte, haben Sie noch etwas Geduld.«

Geduld? Sie hatte die letzten acht Monate Geduld. Jetzt wollte sie endlich Antworten.

»Sie wird sicher bald aufwachen. Kann ich Ihnen einen Tee anbieten? Jasmintee, oder?«

Sie zwinkerte verwirrt. »Mein Lieblingstee. Woher …?« Sie hielt inne. »Sie hat Ihnen meinen Lieblingstee genannt?«

»Sie redet viel über sie«, sagte er nach ein paar Sekunden. »In der letzten Zeit immer mehr. Wissen Sie, eigentlich wollte sie nicht, dass Sie kommen. Sie hat immer noch Angst, was sie zu ihrer Situation sagen werden.«

»Situation? Was denn nur für eine Situation? Ich möchte keinen Tee, danke, aber ich möchte jetzt zu ihr, bitte.«

Er überlegte einen Moment. »Wenn ich es Ihnen sagen würde, würden Sie es mir nicht glauben. Kommen Sie, wir schauen mal nach, ob sie wach ist.«

Sie erklommen die breite Treppe. Nele stellte sich vor, wie Maria hier in einem Prinzessinnenkleid herunterschreiten würde. Dann schnürte sich ihr Hals zusammen. War sie krank? Warum hatte sie sich nicht eher gemeldet?

Richard ging nach links, ließ drei Türen hinter sich, bis er an den Türknauf der vierten Tür fasste.

»Einen Moment«, flüsterte er.

Nele wollte keinen Moment warten, doch die Anspannung ließ sie versteinert zurück, während Richard die Tür öffnete und in das Zimmer ging. Sie hörte leise Stimmen, verstand jedoch nichts. Vorsichtig setzte sie einen weiteren Schritt zur Tür. Durch den geöffneten Spalt konnte sie aber kaum etwas erkennen. Es war dunkel im Zimmer. Viel zu dunkel. Maria liebte doch das Licht!

Sie erschrak, als Richard die Tür weiter öffnete. »Kommen Sie. Sie ist wach.«

Mit kleinen Schritten begab sie sich langsam zum großen Himmelbett. In der Mitte lag eine zierliche Frau, erst auf der Hälfte des Weges konnte Nele erkennen, dass sie sehr alt war. Sie blieb stehen und schaute Richard fragend an.

»Ich weiß, das ist schwer zu glauben. Aber das ist Maria. Sie ist meine Großmutter.«

Neles Blick wanderte wieder zum Bett. Die alte Frau lächelte sie an und für einen Augenblick funkelten die Augen, Marias Augen.

»Aber … das ist doch …«

»Unmöglich? Nele, das sag ich mir seit 50 Jahren. Letztendlich ist es doch wahr.«

»Aber wie …?«

Die alte Frau hob einen Arm, winkte Nele zu sich und als die endlich ihre Hand ergriff, atmete sie erleichtert aus.

»Ich weiß nicht wie und warum. Aber plötzlich war da ein gleißendes Licht und lag ich in einem Feld nicht weit von hier, allerdings im Jahr 1964.«

Nele setzte sich auf den Bettrand, strich der alten Maria durch das graue Haar. Ihre Augen funkelten noch genauso blau. Sie schaute zu Richard.

»Mein Großvater hatte sie aufgenommen, ihr Papiere besorgt und sie letztendlich geheiratet.«

»Er nannte mich immer, ›seine kleine Kuriosität‹«, sagte Maria und lachte. Doch das Lachen wurde durch einen Hustenanfall unterbrochen.

»Warum hast Du dich nicht früher gemeldet?«, fragte Nele.

»Wann denn? Bevor ich meinen kleinen Zeitsprung machte? Das konnte ich nicht riskieren, das hätte ja das Leben meiner ganzen Familie in Gefahr gebracht. Und danach? Ach, Nelchen, ich habe mich nicht getraut.«

Nele holte den Brief aus ihrer Gesäßtasche.

»Ach ja, der Brief. Ich hatte ihn schon vor Jahren geschrieben, aus Angst, dass mir etwas passieren würde. Richard hatte den Auftrag ihn nach meinem Ableben zu überbringen. Wie immer hat er nicht auf mich gehört.«

Nele wandte sich zu Richard und sprach ein lautloses »Danke« aus.

»Ich bringe euch etwas Tee und lasse euch allein«, sagte Richard und ging.

»Er ist ein guter Junge«, sagte Maria.

»Ja, er scheint ganz nett zu sein.«

»Sein Großvater war genauso.«

»Wo sind seine Eltern?«

Maria kniff die Augen zusammen, atmete tief durch, bevor sie vom schweren Autounfall, den nur Richard, wie durch ein Wunder, überlebt hatte, berichtete.

»Das tut mir leid.«

»Ich hatte ein aufregendes Leben voller Hochs und Tiefs.«

»Erzähl mir davon«, forderte Nele sie auf und als Richard den Tee mit ein paar Keksen brachte, war sie schon bei ihrer Hochzeit.

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Traumwandler

Neugierig? Hier habt ihr den Klappentext:
Noch 5 Sekunden und das Flugzeug zerschellt auf dem Boden. Richard Lose starrt entsetzt in die Augen des Attentäters und weiß, dass er sterben wird.

Dann wacht er auf.
Zum Glück war der Absturz nur ein Traum … denkt Richard. Bis er die Aufnahmen sieht: Er steht am Gate und betritt das Flugzeug. Alles ist real.

Auch der Attentäter ist am Leben. Nachdem dieser Richards Mutter ermordet, setzt Richard alles daran, ihn aufzuhalten. Doch der Mörder ist ein Traumwandler und seinen wahren Körper zu finden, ist nahezu unmöglich.

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