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Hannes Niederhausen

Herzlich willkommen auf meiner Autorenseite.

Du bist was du bist

Von den Türen blätterte die Farbe ab, der Steinboden war voller Unrat. Der Unrat, sie konnte ihren Blick einfach nicht von ihm lösen. Ihre Hände wurden feucht und sie spürte wieder den Drang, alles aufzuräumen.

Tristan ließ sie zurück, ging auf den Haufen zu, der aus zerfallenen Holztischen, Stühlen und viel Staub bestand. Sie schaute auf ihre Hände herab und wünschte sich, ihre Hygienetücher mitgenommen zu haben. Doch das durfte sie nicht. Das war ja nicht Ziel der Übung.

»Komm zu mir«, rief Tristan ihr zu. Er lächelte und ihr wurde warm ums Herz. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte er sie angelächelt. Das war vor einem Jahr gewesen, als sie endlich beschlossen hatte, etwas gegen ihre Zwangshandlungen zu tun. Schon einen Monat später hatte sie ihm die Hand gereicht, ohne gleich zum nächsten Waschbecken rennen zu müssen. Er war ihr so eine Stütze geworden, dass sie ohne zu überlegen zugestimmt hatte, die alte Villa aufzusuchen.

»Das wird deine letzte Probe«, hatte er gestern gesagt. Aber jetzt fühlte sie sich alles andere als bereit.

»Komm zu mir, Elisabeth«, rief er. »Sieh dir das an.«

Er zeigte auf eine graue Spitze, die neben einem Stuhlbein hervorschaute. Grau, nicht weiß. Die Matratze war bestimmt einmal weiß gewesen, und was würde schon in ihr leben?

Ihr Hals schnürte sich zusammen, sie ballte die Fäuste, aber gehorchte. Sie traute ihrem Therapeuten, er würde ihr nicht schaden wollen.

Sie setzte ein paar Schritte vor, als sie wieder diese leise Stimme in ihrem Kopf hörte. »Hör nicht auf ihn! Lass dich nicht verändern. Sei, wie du bist!«

Sie schüttelte den Kopf und ging auf Tristans ausgestreckte Hand zu. Sie streckte ihren eigenen Arm, zwang sich, die Faust zu lösen und kurz bevor ihre Finger die seinen berührten, raschelte es in dem Unrat. Sie zuckte zusammen, starrte entsetzt auf die Hand, die hinter der vermoderten Matratze hervorschnellte, Tristan am Kragen packte und ihn in den Unrat zog. Elisabeth sprang vor, packte seinen Arm, doch er entglitt ihr und Tristan wurde in ein blutrot leuchtendes Loch gezogen. Es ging so schnell, er hatte nicht einmal Zeit zu schreien. Sie starrte in das aschfahle Gesicht des Angreifers. Seine Augen brannten wortwörtlich, der Mund öffnete sich und offenbarte dünne spitze Zähne. »Du nicht!«, zischte das Monster, als Elisabeth versuchte, Tristan in das Loch zu folgen. Seine Hand schnellte hervor, sie wirkte wie eine Spinne mit fünf Beinen, so dünn waren die Finger. Doch kräftig. Als sie gegen Elisabeths Brust schlugen, trafen sie mit einer Wucht auf, die sie nach hinten schleuderte und Elisabeth vor Schmerzen und Ekel aufschreien ließ.

Sie fiel auf ihren Steiß und stöhnte.

Das Monster verschwand im Loch und kurz darauf erlosch das rote Licht. Sie kroch auf allen Vieren durch den Unrat, rief Tristans Namen, doch es war nichts mehr zu sehen.

Entsetzt starrte sie in den Dreck. Was nun? Sie musste die Polizei rufen, irgendwer musste ihr helfen, doch würden sie ihr glauben?

Da.

Ein Schrei am Ende des Gangs, der tiefer in die Villa führte. Sie erhob sich, wartete einen Moment, bis ihre wackligen Beine mehr Kraft fanden. Sie wischte sich mit der rechten Hand über die Brust, dort wo das Wesen sie berührt hatte. Ein grauer Film verteilte sich auf ihrer grauen Strickjacke. Entsetzt starrte sie darauf.

Eine gallertartige Flüssigkeit klebte den Staub an ihre Hände. Sie schrie, wischte sich die Hände voller Ekel an den Oberschenkeln ab und erschauderte bei dem Gedanken, dass sie den Dreck nun auf ihrer Hose verteilt hatte.

»Ganz ruhig, tief durchatmen. Das ist nicht schlimm. Du hast solche Situationen trainiert«, sagte sie sich selbst, doch die Stimme in ihrem Kopf wurde lauter. »Das bist nicht du. Du musst rein sein, alles muss rein sein!«

»NEIN!«, schrie sie und schüttelte den Kopf.

Die Antwort war ein weiterer Schrei vom Ende des Gangs.

»Tristan«, rief Elisabeth. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, rannte sie zum Ende des Raums, durch den Torbogen in den dunklen Gang hinein. Das Licht folgte ihr nur wenige Schritte in den langen Flur, schon bald konnte sie die eigene Hand nicht mehr sehen, ein Segen, empfand sie, bis ihr klar wurde, dass sie sich weiter voran tasten musste … oder zurückkehren und Tristan seinem Schicksal überlassen.

Sie schaute zurück, doch die helle Öffnung hinter ihr war viel weiter entfernt, als sie es für möglich gehalten hatte. Vorn war nichts zu sehen, hinter ihr war die Öffnung schon wieder kleiner geworden, als würde sie sich von ihr entfernen.

Nun konnte sie sich nicht mehr zusammenreißen. Sie legte die Hand an die Wand, erschauderte, als sie in eine glitschige Masse fasste, doch schaffte es, sie zu ignorieren und loszulaufen. Sie kam nur wenige Schritte weit, bevor sie mit dem Kopf gegen etwas schlug und nach hinten fiel. Jetzt bemerkte sie, dass sie einer optischen Täuschung unterlegen war. Die Öffnung hatte sich gar nicht entfernt, der Gang wurde nur schmaler, so dass sie nur noch einen Bruchteil der Öffnung sehen konnte.

Schon spürte sie, wie sie sanft, aber stetig zur Seite gedrückt wurde, bis ihr rechter Arm die andere Wand berührte.

Der Schleim der Wände lief ihre Arme herunter, sie schrie. Schrie aus Ekel, aus Angst erdrückt zu werden, und die Stimmen in ihrem Kopf lachten. »Da bist du ja«, sagten sie, während sie sich irgendwie auf die Beine stemmte und in die Dunkelheit lief.

Mit jedem Schritt wurde der Gang wieder breiter, doch hinter ihr hörte sie die Wände über den Boden schleifen. Und als sie einen Moment stehen blieb, um sich die Hände angewidert an den dreckigen Beinen abzuschmieren, wurde das Geräusch erneut lauter. Die Wände trieben sie in die Dunkelheit.

Wie lange sie lief, konnte sie nicht sagen, aber sie zählte sehr genau mit, wie oft sie den ekelhaften Schleim berühren musste, bis vor ihr endlich ein roter Lichtschimmer erschien: einundzwanzig Mal.

Sie blieb stehen, lachte erleichtert auf, doch dann drängte sie der enger werdende Gang weiter. Sie rannte wie der Blitz auf das Licht zu und erst im letzten Moment konnte sie einen schwarzen Türknauf erkennen, der scheinbar in der Luft schwebte. Wenige Zentimeter vor der Glastür kam sie zum Stehen. Sie schaute durch das Glas und erkannte einen weißen Korridor, an dessen Seitenwänden in Meterabständen kleine rote Lampen hingen, die den Raum in ein sanftes Rosa färbten. Eine Tür konnte sie nicht sehen, doch der Anblick des reinen Raums vor ihr war genug, um ihr Herz zu beruhigen und den Ekel für einen Augenblick zu vergessen.

Der Augenblick war vorbei und sie bemerkte das schmatzende Geräusch des schrumpfenden Gangs hinter ihr. Sie ergriff den Knauf, doch er ließ sich nicht drehen. Auch konnte sie die Tür weder aufschieben noch aufdrücken. Sie war gefangen. Gefangen!

»Du musst es dir verdienen!«, zischte die Stimme in ihrem Kopf.

Verdienen? »Wie denn?« schrie sie, doch erhielt keine Antwort. Die Wände kamen auf sie zu, der Boden hob sich an und sie stolperte den letzten Schritt gegen die Glastür. Sie drehte und rüttelte, doch der Knauf bewegte sich einfach nicht.

»Lasst mich rein!«, schrie sie und schlug mit der dreckigen Hand an die Glasscheibe. Der Abdruck aus Schleim und Staub, vermischt mit ihrem Schweiß widerte sie einfach nur an. Es war, als könne sie die unzähligen Bakterien auf der Scheibe tanzen sehen.

»Lasst mich …«

Die Wände stoppten, so dass sie gerade noch so stehen konnte. Sie zog die Schultern ein, drehte sich um und eine halbe Armlänge vor ihr befand sich eine Wand. Von dem Gang, den sie eben entlang gerannt war, war nichts mehr zu sehen.

Sie weinte, wischte sich den Rotz von der Wange und schmierte so noch mehr Schleim ins Gesicht. Doch es war ihr egal, sie war am Ende. Wenn Tristan sie jetzt sehen könnte, er wäre stolz auf sie. Die ultimative Konfrontationsstrategie. War das sein Plan gewesen? Hätte er das alles aufbauen können?

»NEIN!«, schrie die Stimme. »DAS BIST NICHT DU!«

Der Schleim in der Wand vor ihr bildete kleine Wellen, Wirbel dann und am Ende formte sich ein Gesicht. Ein langgezogener Kopf, ein langer Ziegenbart, hohe Augenbrauen. Das Gesicht schaute sie zornig an. »Das bist du nicht«, zischte die Stimme erneut, und nun kam sie eindeutig aus dem Gesicht.

Dann machte das Ding ein schniefendes Geräusch, zog Rotz aus den Tiefen seines nicht vorhandenen Körpers und spuckte Elisabeth ins Gesicht.

Sie schrie, wischte sich den Rotz von der Wange, doch das Gesicht spuckte noch ein weiteres Mal, doch diesmal schützte sie sich mit ihren Armen.

»Was willst du von mir?«, schrie sie das Gesicht an und schlug danach. Es verschwand, als hätte sie ihr Spiegelbild im Fluss weggefegt, und es kam auch nicht wieder.

Sie wandte sich von der Wand ab und schrie auf.

Hinter der Glastür stand ein Mann. Er trug rote Stiefel, eine schwarze Hose sowie ein weißes Hemd. Das Gesicht aus der Wand grinste sie hämisch an.

Er zog an der Tür und machte eine einladende Geste.

»Am Ende des Korridors wirst du eine Dusche finden, mein Kind. Willst du dich nicht duschen?«

Sie schaute an sich herab, auf ihre Hände und dann stieg ihr der saure Geruch, wie Buttersäure, in die Nase.

»Verflucht seist du, Tristan!«

Sie rannte los, stieß den Fremden zur Seite, um die verheißungsvolle Dusche zu erreichen.

Der Mann hinter ihr lachte nur.

»Willkommen zurück, Putzteufel!«

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»Hätte mir jemand vor zwei Monaten gesagt, dass ich in einem Shuttle zum Mond sitzen werde, um Wasser in einem Bergwerk abzubauen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.«

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