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Hannes Niederhausen

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Die Schritte im Leben

Das ist mein Beitrag zur Clue Writing Blogparade. Mehr Infos dazu gibt es hier.

 

Als Christin die Tür aufschloss, blendete sie das Licht, das sowohl von dem cremefarbenen Teppichboden, als auch der Schneewüste hinter den dicken Fensterscheiben reflektiert wurde. Sie rieb sich die Augen, während sie ihre neue Wohnung betrat, blieb jedoch ein paar Schritte hinter der Tür stehen, um sich umzusehen. Unbewusst stellte sie den Rollkoffer mit ihrer ganzen Habe an die Wand.

Das war also ihr neues Wohnzimmer. Eine schwarze Couch, davor ein Holztisch, auf dem eine kleine Weihnachtspyramide stand. An der Kopfseite des Tischs ein schwarzer Sessel und in der Ecke ein kleiner Nadelbaum. Von ihrem Standort aus konnte sie nicht erkennen, ob er eingetopft, oder schon dem Tode geweiht auf einem Weihnachtsbaumständer war. Links von ihr erstreckte sich der Tresen, der die Küche vom Wohnbereich trennte. Ein schmaler Gang führte zu zwei Türen. Eingänge zu Bad- und Schlafzimmer. Ihr Blick wanderte zurück zum Baum und mit jeder Sekunde schien sich ihr Hals mit Nadeln zu füllen. Sie räusperte sich, um dem Kratzen entgegen zu wirken, und dann hatte sie den Qualm wieder in Mund und Nase, sie hörte die Schreie ihres Sohns und dann roch sie sein verbranntes Fleisch. Tim war 4 gewesen, älter wurde er nicht, er starb mit seinem Schaf in der Hand.

»Hallo«, tönte es fröhlich hinter ihr. Sie drehte sich erschrocken um, dankbar für die Ablenkung, doch als sie in das fröhliche Gesicht schaute, sich ein Lächeln erkämpfte und so freundlich wie möglich zurück grüßte, spürte sie die Wut in ihrem Körper aufwallen. Warum musste sie so fröhlich sein?

»Haben Sie lang hier her gebraucht?«, fragte die Frau und Christin schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Ich hab die ganze Zeit geschlafen. Waren Sie etwa wach?«

Die Frau lachte. »Nein, natürlich nicht. Niemand ist das. Aber sie haben doch sicher eine Uhr in ihrem Wohnzimmer. Haben wir alle.«

Während die Frau Christins Koffer vor den Tresen stellte, wandte sich Christin zur Couch. Ihr Blick wanderte zur Wand gegenüber des Fensters und tatsächlich hing dort eine Uhr mit rotem Rand. Sie war ihr zuerst nicht aufgefallen. Doch bevor sie ein paar Schritte in ihre neue Wohnung machte, zog sie die Frau zurück. »Egal. Kommen Sie, ich habe gerade Punsch gemacht, für heute Abend, aber es schadet ja nicht, mal zu kosten, nicht wahr?«

Noch bevor sie etwas erwidern konnte, wurde Christin aus ihrer Wohnung nach links gezogen. Völlig ferngesteuert schaute sie zu ihrer offenen Tür zurück, doch ehe sie den Mund öffnen konnte, stand sie schon in einer spiegelverkehrten Version ihrer eigenen Wohnung. Die gleiche Couch, der gleiche Tisch, die gleiche Uhr. Der Baum in der linken Ecke war jedoch geschmückt und auf dem Tresen rechts von ihr stand eine große Glasschale, in der Orangenschreiben mit Gewürzen in einem roten Saft schwammen.

»Ich heiße übrigens Annabell«, sagte die Frau.

»Christin«, antwortete Christin und nahm eine halb volle Tasse entgegen.

»Dann auf gute Nachbarschaft, Christin.«

Die Gläser klirrten und Schluck für Schluck wärmte der warme Punsch ihren Magen. Eine Gewürznelke konnte sie gerade so mit der Zunge aufhalten. Vorsichtig spuckte sie sie in die bereits leere Tasse.

»Wir sind aber durstig«, meinte Annabell. »Noch einen?«

Christin gab ihr die leere Tasse, schüttelte aber den Kopf. »Sehr lecker, aber ich muss ja noch auspacken. Und dann treffe ich ja auch noch den Chef.«

»Keine Sorge. Der Chef ist auch ein ganz großer Trinker. Er schüttet sich sogar noch etwas aus seinem Flachmann nach. Deshalb hat er ja immer die rote Nase.«

Annabell lachte. »Aber betrunken ist er nie. Merkwürdig, nicht?«

Christin schüttelte den Kopf in ihren Gedanken, nickte aber. Von all den Umständen überraschte sie dieser ganz und gar nicht.

»Wieso bist du hier?«, fragte Annabell, als sie sich nachschenkte.

Christin schluckte. »Ich … ich …«

»Verstehe«, sagte die Nachbarin. »Das vergeht mit der Zeit.«

Christin schrak zusammen. Tims Schrei hallte durch ihren Kopf. Sie schüttelte ihn heraus. Um sich abzulenken, fragte sie Annabell, wie sie denn hierher gekommen sei.

»Ach, das war schon vor 10 Jahren. Damals hab ich die Nase voll gehabt. War irgendwie festgefahren, hab mich von all meinen Freunden entfernt, wollte auch keine Neuen und irgendwie bin ich hier gelandet. Ich finde es toll.«

»Und wie …«, Christin schluckte. Sie dachte an ihre Träume, zumindest waren ihr die Gespräche mit dem neuen Chef wie Träume vorgekommen. Vor zwei Wochen war das gewesen. Fast ein Jahr nach Tims Tod. Mein Gott, verging die Zeit schnell.

Annabell lächelte. »In den Träumen, nicht wahr. So macht er das. Niemand glaubt, was hier passiert, bis er hier ist.«

Christin nickte. »Na nicht vielleicht doch noch einen?«

Sie tranken noch zwei, schweigend, was Christin zuerst als angenehm, doch dann immer bedrückender empfand.

»Vermisst du denn deine Freunde nicht?«, hatte sie letztendlich gefragt und Annabell lächelte traurig.

»Manchmal. Doch so ist das Leben. Man geht ein paar Schritte zusammen und dann trennen sich die Wege.«

»Aber manchmal kreuzen sie sich doch wieder.«

»Hier nicht, meine Liebe.«

Christin nickte. »Gut.«

»So schlimm?«

Christin stand auf und spürte, wie weich ihre Beine geworden waren. Die ersten Schritte wankte sie zum Tresen, dann spürte sie den festen Griff ihrer Nachbarin.

»Gehen wir also gemeinsam ein paar Schritte.«

»Autsch.«

Annabell ließ sie los, für einen Moment fürchtete Christin umzufallen, doch sie fing sich, während Annabell einen Engelsflügel aufhob.

»Da haben wir wohl irgendwo einen gefallenen Engel«, lachte Annabell und Christin schluckte.

»Keine Sorge, der Teufel ist nicht hier. Den Flügel muss wohl eines der Kinder verloren haben.«

Christin starrte sie an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nach einer gefühlten Ewigkeit, brachte sie die Frage heraus: »Hier gibt es Kinder? Mir wurde gesagt, hier leben keine Kinder, das wäre eine kinderfreie Gegend.«

»Beruhige dich. Es leben auch keine Kinder hier. Aber ab und zu träumen sie sich hierher. Das können wir nicht verhindern.«

»Aber ich will keine Kinder um mich herum!«, platzte es aus Christin heraus. »Nie wieder!«

Sie stampfte zur Tür, riss sie auf und rannte nun die wenigen Meter zu ihrer eigenen Wohnung.

»Warte!«, rief Annabell hinter ihr her, doch Christin knallte ihre Wohnungstür zu. Durch den Tränenschleier bemerkte sie ihren Chef. Der dicke Mann saß in ihrem Sessel und sah sie sanftmütig an. Wie lange hatte er da schon auf sie gewartet?

»Gut ihr Punsch, nicht wahr?«, sagte der dicke Mann und strich sich durch den weißen Bart. Er schien ihre Tränen gar nicht zu bemerken.

Christin nickte, stemmte sich ächzend nach oben und schlurfte über den Teppich zur Couch. Lustlos ließ sie sich fallen.

»Sie haben gesagt: keine Kinder.«

Der Mann nickte.

»Ja, das habe ich gesagt. Ich habe Annabell auch gesagt, dass hier niemand ihre Freundschaft suchen würde, und sieh sie dir an. Sie schließt jeden Neuankömmling sofort in die Arme. Und ihr Punsch öffnet ihre Herzen.«

»Meins nicht.«

»Bist du da sicher? Ich kenne keinen, der mit geschlossenem Herzen weint.«

Christin schluckte.

»Sie foltern mich.«

»Nein, du folterst dich selbst. Und ich habe dich auch nicht angelogen. Genauso wenig, wie Annabell. Hier leben keine Kinder und sie ist diejenige, die Freunde sucht und sie findet.«

»Warum ich?«

»Weil du ein guter Mensch bist und ich gute Menschen gerne um mich herum habe.«

»Mein Sohn verbrannte, weil ich nicht aufmerksam war, wie macht mich das zu einem guten Menschen?.«

»Tim starb, als du ihm seine Geschenke aus dem Nachbarzimmer holen wolltest. Du bist gestürzt. Das ist nicht Deine Schuld.«

Christin wollte das nicht hören. Sie sprang auf und riss die Wohnungstür auf, zögerte jedoch, als ihr neuer Chef fragte: »Wo willst Du denn hin?«

Sie schüttelte den Kopf. Ja, wohin denn nur. Ihr Blick wanderte wieder durch die Wohnung, die Schneelandschaft hinter dem Fenster. Sie hatte ihren Mantel in Annabells Wohnung gelassen, wo wollte sie denn hin? Wie sollte sie hier wegkommen?

»Der Wohnblock ist mit dem Festsaal verbunden. Komm mit mir. Ich zeige dir den Weg«, sagte der Dicke und rieb sich die rote Nase. Mit wenig Enthusiasmus ließ sie sich durch die Gänge führen, bis sie den Festsaal erreichten. In jeder Ecke stand ein Weihnachtsbaum mit Kerzen, echten brennenden Kerzen.

»Keine Sorge«, sagt ihr Chef, »hier brennt nichts.«

Christin schluckte, rieb sich den Kopf. Eine kleine Frau mit spitzen Ohren, sie ging Christin bis zur Hüfte, watschelte auf sie zu.

»Chef, da sind Sie ja. Der Punsch ist ja schon halb leer.«

»Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte«, brummte der Dicke und zwinkerte Christin zu. Trotz des bedrückenden Gefühls, das ihren Magen schrumpfen ließ, konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Seine Güte sprang ungefragt auf sie über und sie wurde sie nicht wieder los.

Annabell stürmte auf sie zu, zwei Gläser in der Hand und ihr Chef nahm sie entgegen. Er reichte Christin ihr viertes Glas Punsch und griff in die Hose, um den bereits erwähnten Flachmann herauszuholen.

Er goss sich einen Schluck in sein Glas und schaute Christin fragend an. Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin schon betrunken genug«, sagte sie.

Der Mann lachte laut. So klang also das Lachen des echten Weihnachtsmanns. Die kleine Frau watschelte mit Annabell zurück. Christins Chef beugte sich vor und flüsterte: »Der Trunk hier drin hebt den Alkohol im Punsch auf. Aber sag es nicht weiter.« Dann lachte der Chef erneut und stampfte in die Mitte des Raums. Christin nahm einen Schluck von dem Punsch und ließ den Blick über die Tische kreisen. Mehrere Braten, umgeben von Schüsseln mit Kartoffeln, Rot- und Grünkohl und Klößen, ließen ihren Magen knurren. Sie fand Annabell, die mit drei Elfen sprach.

»Ah, da ist sie ja. Ted, Clara und Simon, darf ich vorstellen: Das ist Christin. Sie arbeitet im Management.«

Die Elfen schüttelten nach und nach ihre Hand.

Der Weihnachtsmann überragte alle seiner Mitarbeiter, schaute in die Runde und hob sein halb volles Punschglas.

»Fröhliche Weihnachten!«

Mit jeder Sekunde fühlte es sich richtig an, die restlichen Schritte ihres Lebens im Schnee des Nordpols zu gehen.

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Traumwandler

Neugierig? Hier habt ihr den Klappentext:
Noch 5 Sekunden und das Flugzeug zerschellt auf dem Boden. Richard Lose starrt entsetzt in die Augen des Attentäters und weiß, dass er sterben wird.

Dann wacht er auf.
Zum Glück war der Absturz nur ein Traum … denkt Richard. Bis er die Aufnahmen sieht: Er steht am Gate und betritt das Flugzeug. Alles ist real.

Auch der Attentäter ist am Leben. Nachdem dieser Richards Mutter ermordet, setzt Richard alles daran, ihn aufzuhalten. Doch der Mörder ist ein Traumwandler und seinen wahren Körper zu finden, ist nahezu unmöglich.

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