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Hannes Niederhausen

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Die Macht der Gewohnheit

Dieser Tag sollte nicht so gewöhnlich enden wie er begann. Und gewöhnlich war der Morgen allemal und das war gut so. Hans hatte sich wie üblich eine Scheibe Brot geschmiert, sich etwas Honig in den Kaffee gemacht und war anschließend unter die Dusche gesprungen.

Auch der Weg zur Arbeit hatte nichts Ungewöhnliches an sich. Zehn Minuten Busfahrt, dann fünf Minuten laufen, vier Etagen mit dem Fahrstuhl fahren und schon war Hans im Büro.

»Guten Morgen, Hans«, begrüßte ihn Lisa an der Rezeption und Hans grüßte wie immer zurück, ging an leeren Büros vorbei, bis er in seinem eigenen saß und den Computer startete. Während der Computer startete, holte er sich einen Kaffee in der kleinen Büroküche und las anschließend Schluck für Schluck seine E-Mails.

Hans genoss seine Routine so sehr, dass er auch kein Bedürfnis nach Kontakten zu Kollegen hatte. Er war ein Außenseiter, Eigenbrötler nannten sie ihn, doch er machte seine Arbeit ordentlich und akribisch und so gab es nie Beschwerden.

Zu Mittag aß Hans übrigens auch allein. Das hatte zweierlei Gründe: Zum einen konnte er während des Essens sein Buch lesen, aber vor allem konnte er in Ruhe die schönste Frau der Welt bewundern. Ansprechen würde er sie niemals, aber davon träumen, das konnte er ganz gut.

Auch an diesem Tag verließ er Punkt zwölf sein Büro, nahm die Treppe, nicht den Fahrstuhl, um die vier Etagen herunterzukommen und sich in der Firmenkantine in die Schlange zu stellen.

Wir immer war die Länge der Schlange moderat, denn obwohl sich die meisten schon Punkt zwölf zum Essen verabredeten, kam es ja oft zu Verzögerungen.

»Nur noch die Mail abschicken.«

»Nur noch den letzten Satz schreiben.«

»Moment, muss noch auf Toilette.«

Hans konnte die Ausflüchte förmlich hören. Deshalb aß er allein.

Nun, nicht nur deswegen. Da war ja noch die Schönheit aus der Buchhaltung. Jana hieß sie. Das hatte er aus dem Verzeichnis herausbekommen und in der Regel aßen sie und ihre Kollegin bereits, wenn er den Speisesaal betrat, dort am Fenster, wo es besonders warm und hell war. Doch diesmal war der Tisch leer.

Hans schluckte einen Kloß herunter. Er hasste es, wenn die Routine durchbrochen wurde. Hatte Jana denn Urlaub? Vielleicht war sie ja auch noch in einem Meeting. Manchmal konnte man dies einfach nicht verhindern, selbst Hans musste sich einmal zur Mittagszeit mit seinem Abteilungsleiter treffen. Das war äußerst unangenehm gewesen, so mit leerem Magen.

»Hallo«, hörte er eine Stimme hinter sich, die er zuerst nicht einordnen konnte.

Hans drehte sich um und erstarrte. Janas Augen glänzten schelmisch.

»Hans, richtig?«, sagte sie und er nickte automatisch.

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, jetzt war es nicht nur ein Kloß im Hals, er war komplett dicht. Hans schluckte mehrfach, spürte, wie sein Adamsapfel auf und ab sprang, während er in seinem Kopf nach den richtigen, nach irgendwelchen Worten suchte.

»Hallo«, sagte er letztendlich und sie lachte.

»Du kannst also sprechen.«

»Öhm, ja. Klar.« Im Moment war er sich da gar nicht so sicher. Er atmete tief ein und dann sagte er endlich einen vernünftigen Satz: »Du isst heute allein?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht, Susi ist zwar im Urlaub, aber mal sehen.« Dann hielt sie einen Moment inne. Schaute sie ihn argwöhnisch an? Hatte er etwas falsches gesagt.

Es fiel ihm schwer ihrem Blick standzuhalten. So sehr wollte er nach unten sehen.

»Du musst wissen«, fuhr sie fort, »mir ist schon aufgefallen, dass du … naja … also, dass du mich beobachtest. Beim Mittagessen, weißt du?«

Jetzt lief er rot an. Glücklicherweise erreichten sie gerade in dem Moment die Ausgabe und er musste sich entscheiden. Pasta oder Kartoffeln?

Er nahm den Teller mit einem Berg Nudeln entgegen, während sein Kopf nach einer Antwort suchte. Der Teller zitterte in seiner Hand, so dass er sicherheitshalber die andere Hand ebenfalls zum Halten nutzte.

Sie nahm den Schweinebraten und folgte ihm zur Kasse. Er hatte immer noch nichts gesagt. Es war alles so ungewohnt, so neu. Wie sollte er jetzt reagieren? War sie sauer? Fand sie es gut? Würde sie ihn wegen Belästigung melden? War es Belästigung?

Er wusste einfach nicht mehr weiter und wünschte sich, sie würde sich an ihren Platz setzen und er an seinen.

Doch nachdem er bezahlt hatte und sich zu seinem Tisch begab, musste er mit Entsetzen feststellen, dass sie ihm folgte und sich jetzt zu ihm setzte.

War das jetzt Belästigung?

»Besonders viel reden tust du ja nicht.«

»Ich …«, begann er. »Ich bin das nicht gewöhnt.«

Sie lächelte ihn an. »Dann sollten wir das aber schleunigst ändern«, sagte sie. »Wie läuft es denn bei euch da oben?«

Da oben. Er fand es immer witzig wie Leute die Sachbearbeiteretage nannten. Oben, das klang wie Chefetage. Dabei war er genauso ein kleines Rad im Getriebe wie Jana, vielleicht sogar kleiner.

»Alles ruhig«, sagte er. »Ich bin halt in meine Papiere vertieft. Risikoanalysen und so, weißt du vielleicht.«

»Ja klar. Wusstest du, dass ich auch mal in der Vierten gearbeitet habe?«

Das wusste er nicht.

»War mir irgendwann zu viel. Die Entscheidung, wer was bekommt. Da hab ich gewechselt.«

Das hatte er schon oft gehört. Hans selbst hatte damit keine Probleme. Für ihn war der Trick, die Menschen nicht als Bedürftige zu sehen. Es waren nur Zahlen, auf deren Basis er seine Entscheidungen fällen musste.

Das sagte er aber nicht, denn er wusste, dass es unmenschlich wirken würde. Das hatte ihm einmal seine Mutter gesagt. Doch was sollte er tun? Die Alternative war, sich emotional aufzureiben, nervös jede Entscheidung zu hinterfragen, bis man dann einfach zusammenklappen würde.

Auch das sagte er nicht.

»Verstehe ich«, sagte er letztendlich und das war auch nicht gelogen.

Sie aßen eine Weile schweigend weiter, dann sagte sie plötzlich: »Ich finde dich ganz nett. Hast du vielleicht Lust, was mit mir trinken zu gehen. Abends meine ich, außerhalb der Arbeit?«

Die Frage durchzog seinen Körper wie ein elektrischer Schlag. Er schluckte die Pasta in seinem Mund herunter, atmete tief ein und sog damit aber doch noch ein letztes Stück Nudel in seine Luftröhre.

Während er hustete, lachte sie so fröhlich wie ein kleines Kind. Hans achtete nicht weiter darauf, sondern kämpfte mit der Verstopfung, bis seine Atemwege endlich frei waren.

»Sie ist wirklich schön«, dachte er bei sich, als er in ihre Augen sah.

Sie schaute auf die Bahnhofsuhr an der Wand über dem Tresen.

»Ach Mist, ich hab gleich ein Meeting. Also, was meinst du?« Da er noch mit den Worten rang, fuhr sie fort. »Pass auf, Nägel mit Köpfen: Wie wäre es mit heute Abend? Nur ein Stündchen, nach Feierabend. Dann gehen wir einfach in das Pub um die Ecke.« Sie tippte mit dem Finger an ihr Kinn. »Wie hieß das nochmal?«

»O’Mally’s«, sagte er.

»Genau.«

Doch dann fiel ihm ein, dass er nach der Arbeit zum Sport musste, immer zum Sport gegangen war. Dienstag ist Fitnesstag.

»Ich kann nicht«, sagte er. »Ich hab schon was vor.«

Sie schaute etwas überrascht rein. »Oh nagut, dann vielleicht ein andermal«, sagte sie und erhob sich. »Mach’s gut«, sagte sie noch und brachte ihr Geschirr weg.

Er schaute ihr hinterher. Sie trug das enge rote Kleid, dass er sehr an ihr mochte. Sie hatte mit ihm gesprochen. Hatte ihn nach einem Date gefragt.

Nach einem Date.

Und dann dämmerte es ihm, was er gerade getan hatte.

Es war das erste Mal, seit fünf Jahren, dass Hans sich nicht konzentrieren konnte. Er scholt sich die ganze Zeit, die Chance nicht genutzt zu haben, Jana näher kennenzulernen. Wieso beharrte er so sehr auf seine Gewohnheiten? Wovor hatte er Angst?

Angst. Wo kam das denn auf einmal her? Hans lehnte sich im Sessel zurück, kreuzte die Hände hinter dem Kopf und atmete tief ein. Manchmal bereute er es, dass er kein Interesse an Freunden hatte. Jetzt zum Beispiel könnte er einen Freund gut gebrauchen. Jemand, der ihm mit Rat und Tat beiseite stand, der sagte, was er tun sollte.

Eigentlich war Hans völlig klar, was getan werden musste, und Sport war es nicht. Sein Körper konnte einen Tag Sportausfall sehr gut aushalten. Er öffnete seinen Kalender, löschte den Eintrag für die heutige Sportsession und zuckte zusammen, als der Kalender fragte, ob er alle Folgetermine auch löschen sollte. Würde es das bedeuten? Würde sie sein ganzes Leben auf den Kopf stellen und falls ja, wie würde er damit umgehen können? Er brauchte doch seine Routine.

Ganz vorsichtig bewegte er den Mauszeiger auf »Nein« und klickte ihn an. Erst einmal diese Woche, dann sehen wir weiter.

Der nächste Schritt fiel ihm noch viel schwerer als der vorangegangene, denn jetzt musste er Jana irgendwie dazu bekommen, doch noch etwas mit ihm trinken zu gehen. Doch wie sollte er das anstellen?

Er setzte ein Termin mit dem Namen »Drinks« von 17:00 bis 18:00 Uhr, der Ort war das O’Mally’s und dann gab er Ihre E-Mail-Adresse in den Abschnitt »Eingeladene Personen« ein. Sie würde eine E-Mail bekommen, sie würde den Termin entweder absagen oder zusagen können. Er musste den Termin nun nur noch speichern.

Seine Hand zitterte und er spürte schon wieder diesen unsäglichen Druck um seinen Hals, der ihm den Atem nahm. Los jetzt! Er kniff die Augen zusammen, sog die Luft tief ein und dann drückte er auf Speichern. Der Termin war gesetzt und nun musste er warten.

Es war gerade einmal 14:00 Uhr, doch Hans war zu unkonzentriert, um auch nur eine Berechnung zu machen.

Fast jede Sekunde überprüfte er den Kalender und sein E-Mail-Postfach auf eine Antwort von Jana. Doch bisher hatte er nichts von ihr gehört. Die Zeit kroch unsäglich langsam.

15:00 Uhr: keine Antwort

16:00 Uhr: keine Antwort

16:30 Uhr: immer noch keine Antwort und er entsann sich an einen alten Spruch seiner Mutter: »Keine Antwort ist auch eine Antwort, nur oft die, die man nicht hören möchte.« Er begann einzusehen, dass seine Chance verflogen war. Wenigstens konnte er nun doch ins Fitnessstudio gehen, die gewohnte Routine einhalten und musste nicht befürchten, dass sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt würde.

Um 16:50 Uhr fuhr Hans den Computer herunter, streifte sich die Jacke über und gerade, als er die Bürotür öffnen wollte, klopfte es von der anderen Seite. Überrascht zuckte er zusammen. Wer könnte das noch sein? Herr Schmidt, der sich über seine schlechte Leistung aufregte? Das hätte ihm ja noch gefehlt.

Vorsichtig öffnete er die Tür, sah aber nicht in das grimmige Gesicht seines Abteilungsleiters.

»Hallo. Können wir?«, sagte Jana. Sie trug eine grüne Lederjacke über dem roten Kleid, ihre braune Handtasche war so groß wie sein Koffer.

»Öhm«, sagte er.

»Na, du hast doch den Termin reingesetzt, oder?«

»Schon … aber du hast ja gar nicht geantwortet.«

Sie winkte ab. »Ach, seitdem ich aus dem Stockwerk raus bin, habe ich keine Termine mehr bestätigt. Ist so ne Gewohnheit von mir. Heißt das, du hast jetzt doch wieder was anderes vor?«

»Nein, nein. Hab ich nicht«, sagte Hans. »Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat.« Jetzt endlich konnte Hans lächeln. Es war ein aufrichtiges Lächeln, das erkannte sie sofort und antwortete mit einem eigenen.

»Na dann, gehen wir.«

Er fühlte sich plötzlich ganz entspannt, aber etwas nagte noch an seinem Hinterkopf.

»Du antwortest nie auf Termineinladungen?«, fragte er und schloss die Tür und während sie den Kopf schüttelte, sah er sein Leben einen völlig neuen Weg gehen.

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»Hätte mir jemand vor zwei Monaten gesagt, dass ich in einem Shuttle zum Mond sitzen werde, um Wasser in einem Bergwerk abzubauen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.«

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