Andrea Mahler und die Grüne Zitadelle

Andrea schaudert, als sie den Schlüssel in das Türschloss steckt. Sie schließt die Augen, atmet tief ein und dreht ihn.
Klick.
Noch einmal.
Klick.
Und dann endlich kann sie die Tür öffnen, doch sie zögert, schaut erneut nach links und rechts, doch keiner der anderen Bewohner sieht sie. Sie schaut zurück. Die terracotta-farbenen Fliesen auf den Stufen lächeln sie an.
»Die Seiten der Stufen sind nach oben gebogen und deuten die Abnutzung der Treppen an«, hört sie ihre eigene Stimme sagen. Den ganzen Tag, jede zweite Stunde führt sie diese Unwissenden durch das Haus. Dumme Menschen, die der Grünen Zitadelle des Meisters gar nicht würdig sind.
Mit einem Seufzer vertreibt sie die Gedanken an die Menschen, die durch die Wohnung gestiefelt sind und konzentriert sich auf diesen Moment, jetzt, wo sie sich alleine durch die heiligen Hallen bewegt. Doch den Monolog ihrer Führung bekommt sie nicht vollständig aus dem Kopf. »Achten Sie darauf, ob die Böden in den Wohnungen ebenfalls uneben sind.«
Lächelnd drückt sie die Tür auf, nur einen Spalt erst, dann so weit, dass sie sich hindurchzwängen kann. Leise klickt das Schloss hinter ihr und sie atmet tief ein. Diese Ruhe.
Sie zieht die Schuhe aus, schlürft mit den Socken über den ebenen Boden. So ein Unsinn. Unebene Böden in der Wohnung, dabei würden sich Menschen verletzten. Auf so eine unsinnige Idee wäre der Meister im Leben nicht gekommen.
Im Leben.
Sie seufzt, rutscht zum Bad und schaltet das Licht an. Es ist der einzige Raum, in dem sie sich das wagt. Keine Fenster, dafür weiße Fliesen mit dicken schwarzen geschwungenen Linien. »Die gerade Linie ist gottlos«, hat der Meister gesagt, oh wie recht er damit hatte.
Sie streicht mit den Fingern die schwarzen Linien entlang, an der Badewanne stockt sie. Ein Bad wäre jetzt schön, denkt sie. Ein Bad mit dem Meister. Sie seufzt laut und hält sich die Hand vor den Mund als das Echo ihre Geräusche um ein vielfaches verstärkt.
Das kann sie nicht tun, so sehr sie sich es auch wünscht. Alles könnte sie erklären, nur nicht warum sie nackt in der Badewanne der Musterwohnung liegt, höhst wahrscheinlich mit der Hand im Schoß.
Sie schüttelt sich, als der wohlige Schauder ihren Rücken herunterwandert. Kurz muss sie sich am strahlendweißen Waschbecken festhalten. Es ist unbenutzt, wie der Rest der Wohnung. Sie schaut sich im Spiegel an, lächelt müde und die dünnen Fältchen an ihren Augen werden zu tiefen Graben.
»Du bist auch nicht mehr die Jüngste, meine Süße«, murmelt sie. Doch der Meister würde sie schön finden, sie verehren, so wie sie ihn verehrt. Hach wenn er doch nur noch leben würde.
Seufzend setzt sie einen Schritt zurück, verlässt dann das Bad, nicht ohne vorsichtig den Lichtschalter zu drücken, als könne sie so das Klickgeräusch dämpfen.
Klick.
Sie lässt die Tür hinter sich, die Küche mit dem kleinen Fenster links liegen und begibt sich in das helle Wohnzimmer.
Sie schiebt den Zettel auf der Ledercouch, der das Setzen verbietet, beiseite und lässt sich in die weichen Kissen fallen. Den Blick hat sie starr auf die weiße Wand gerichtet, auf der die Schatten der Bäume im Mondlicht tanzen.
Als ihr Blick etwas nach rechts an einer abgerundeten Ecke vorbei schwenkt, sieht sie vor ihrem inneren Auge erneut die nervige Schnepfe von heute Nachmittag am Fenster stehen. Sie schaute auf die Bäume, als sie nebenbei murmelte: »Mit der Küche könnte ich mich ja anfreunden, aber das Bad …«
Andrea steigt die Wut erneut in den Kopf, spürt wie ihre Wangen glühen und für einen Augenblick denkt sie alberner Weise, dass man sie von außen sehen könnte.
Sie springt auf, läuft zum Bild des Meisters an der Wand, ein Bild, das sie in ihrem eigenen Wohnzimmer ebenfalls hängen hat und sagt: »Hach Friedensreich. Diese Banausen verstehen dich einfach nicht. Aber ich, ich liebe all deine Kunstwerke.«
Der Schnepfe hatte sie geraten, sich das Bad noch einmal anzusehen und tatsächlich ist sie brav gegangen. Gesagt hatte sie dann nichts mehr.
Andrea lächelt, der Meister sieht ernsthaft zurück. Er hatte wenig gelacht auf Fotografien. Eines der seltenen Bilder hängt unten im Shop. Hier oben bleibt ihr seine Fröhlichkeit verwehrt.
Sie lässt das Bild hinter sich, schaut durch das Fenster, wo der Mond die Fassaden in ein einheitliches Grau taucht, wo am Tage das starke Rosa an den Wänden im Schatten vor den verblichenen fast weißen Wänden angibt.
Ein Schatten bewegt sich hinter dem gegenüberliegenden Fenster, dann wird es durch eine Lampe erleuchtet. Einer der neuen Mieter.
Andreas Kopf beginnt erneut zu glühen. Diese Banausen haben ihr die Möglichkeit eines Einzugs verwehrt.
»Die Miete kostet hier ca. 8 Euro 50«, erklärt sie jeden Tag in der Führung. »Ich sage circa, weil die Räume hier sehr begehrt sind. Es gibt eine Warteliste und da können sie sich vorstellen …« Den Rest überlässt sie der Fantasie der Zuhörer.
Leider entspricht es der Wahrheit, dass die 8 Euro 50 nur ein Richtwert sind und Andrea sich diese nicht mehr leisten kann. Wie oft hatte sie schon geträumt, oben im Einfamilienhaus auf dem Dach zu leben? Mit dem Meister versteht sich von selbst. Er würde vor der Tür sitzen, sich durch den grauen Bart streichen und Malen.
Der Mieter öffnet das Fenster, lehnt sich heraus und versucht, die Außenfassade mit dem linken Arm abzutasten.
»Jeder Mieter hat das Recht auf Selbstverwirklichung. Nein er hat sogar die Pflicht. Er soll sich selbst einbringen. Deshalb wird jedem Mieter geraten, sein Fenster innen wie außen selbst zu verschönern, soweit sein Arm reicht.«
Andrea knirscht mit den Zähnen. Nur ein Mieter hat es bisher gewagt, die Zitadelle zu verschandeln. Ein Mosaik an der unteren rechten Ecke, geformt wie ein Halbmond, so schön, wie Erbrochenes. Ob es vom Mieter geplant war, weiß Andrea nicht, dass es ein Profi angebracht hatte, ist jedoch bekannt. Wenigstens das. Doch der da. Würde der etwas die blaue Umrandung des Fensters selbst verschandeln? Und was hat er denn vor?
Ängstlich beobachtet Andrea die Szene. Der junge Mann ist kurz verschwunden, dann taucht er wieder auf. Er schüttelt seine Hand und Andrea kann das Klacken eines geschüttelten Edding hören. Nein! Das ist unmöglich! Das kann er doch nicht tun!
Ihr Hals schnürt sich zusammen. Der Mann schaut nach Osten, nickt und beginne auf der Höhe des Fensterbretts zwei gerade Linien diagonal zum Fenster zu zeichnen.
Zwei … gerade … Linien.
Andrea schnürt der Hals zu, sie bekommt keine Luft. Der Mann klopft mit dem Stift an die Stirn. Sie hält es nicht mehr aus, reißt das Fenster auf und ruft: »Die gerade Linie ist gottlos!«
Der Mann zuckt zusammen, beinahe ist ihm der Stift aus der Hand gefallen.
»Spinnen Sie?«, schreit er zurück. Das Echo hallt durch den Hof.
»Unterstehen Sie sich, die Fassade zu beschmieren«, schreit Andrea. Sie hat nun vollends die Kontrolle verloren. Jemand muss des Meisters Kunstwerk beschützen.
Der Mann grinst: »Das ist mein Recht und meine Pflicht als Mieter in der grünen Zitadelle.«
»Das können Sie nicht tun!«
»Ruhe!«, brüllt jemand von der anderen Seite.
Der Mann beginnt schwungvoll die unteren Linienenden mit kreisförmigen Figuren zu verbinden. Es wirkt wie die obere Hälfte eines auf den kopfstehenden Herzens.
»Ist ihnen das rund genug?«, fragt der Mieter lachend. Dann setzt er am oberen Ende der linken Linie an und verbindet sie mit einem Halbkreis mit dem anderen Ende. Als er einen Strich in die Mitte des oberen Endes setzt, fällt Andrea ohnmächtig auf den ebenen Boden.

Ein paar Tage später erhält die arbeitslose Führerin Andrea Mahler einen Brief.

Sehr geehrte Frau Mahler,

es tut mir leid, dass sie wegen mir entlassen wurden, das wollte ich nicht. Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich Ihnen erklären soll, warum ich die Verschönerung an meinem Fenster angebracht habe. Für mich ist das ja völlig klar, aber Sie, ist mir aufgefallen, können das ja gar nicht wissen. Deshalb hier meine Erklärung.

Der Penis an meinem Fenster zeigt nach Osten, dort wo die Sonne aufgeht und damit den Tag einläutet. Wir Männer, wie sie hoffentlich wissen, haben morgens in der Regel einen erigierten Penis, da wir mal dringend aufs Klo müssen. Diese Morgenlatte ist für mich ein Symbol für einen guten Schlaf. Denn wenn ich keine hab, musste ich x-mal aufs Klo in der Nacht und das ist alles anderes als erholsam durchschlafen, hat mir mein Opa berichtet.

Ich hoffe, die Erklärung beruhigt sie etwas in ihrem Gemüt und sie finden bald eine neue Stelle und ich bekomme weniger Stubenarrest.

Mit freundlichen Grüßen

Torben Gutekunst

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