Logo für Hannes Niederhausen Autorenseite

Hannes Niederhausen

Herzlich willkommen auf meiner Autorenseite.

Gedankenspeicher – Leseprobe

Tag 1

Hätte mir jemand vor zwei Monaten gesagt, dass ich in einem Shuttle zum Mond sitzen werde, um Wasser in einem Bergwerk abzubauen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.

Ich bin kein Bergarbeiter, ich bin Privatdetektiv. Wenn auch kein besonders erfolgreicher und genau das ist der Grund, warum ich jetzt mit elf anderen Menschen auf dem Weg zum Mond bin.

Mir geht es dabei nicht um die halbe Million UN-Dollar am Ende des Fünfjahresvertrages. Ich habe einen Auftrag. Seit der Konzern vor sechs Jahren die Basis eröffnet hat, ist kein Kumpel jemals zurückgekehrt. Klar, in einem Bergwerk ist es gefährlich, ob nun auf der Erde oder woanders. Aber keinen einzigen Rückkehrer zu finden … nein, so schlecht kann ich nicht arbeiten.

Im Grunde treibt es zwei Arten von Menschen auf den Mond: Die Goldsucher, meist Jugendliche, die hoffen, nach fünf Jahren Plackerei reich zu sein und sich in Ruhe ein Leben aufbauen zu können, und die Verzweifelten. Letztere haben alles verloren oder stehen kurz davor und hoffen, mit der halben Million wieder auf die Beine zu kommen.

Ich lehne den Kopf zurück und denke darüber nach, wie ich in diese Situation gekommen bin.

Alles begann mit einem Besuch meines Auftraggebers. Kein Model im hautengen roten Kleid, die in meine verrauchte Bude gekommen war, um mich gleichzeitig zu verführen und in diesen waghalsigen Auftrag zu locken. Nein, mein Auftraggeber war ein Anwalt, in dessen Anzug drei Models gepasst hätten. Harald Kurmann vertrat fünf Familien, die alle jemanden auf dem Mond verloren hatten. Angeblich waren es Unfälle gewesen, doch es gab nie eine offizielle Untersuchung, und die Leichen wurden auch nie überführt. Ich fand das genauso fischig wie er.

Meine Recherchen deckten noch dreizehn weitere Kondolenzschreiben des Konzerns auf, dann steckte ich fest, und Kurmann drohte mir mit Kündigung.

Das Problem ist, dass ich im Grunde zu Kategorie Zwei gehöre, den Verzweifelten, und so sah ich keine andere Möglichkeit, als mir die Sache aus der Nähe anzusehen. Es braucht keine Femme fatale, um in die Scheiße geritten zu werden. Im Gegenteil, die hätte ich wahrscheinlich sofort wieder rausgeworfen und schuldbewusst auf das einzige Foto in meinem Büro gesehen.

Ich starre an die Decke des schmalen Metallkastens, das sie Raumschiff nennen und spiele mit dem Ring an meinem Handgelenk. Das Armband ist brandneu. Der Konzern hatte darauf bestanden, dass wir unsere privaten Geräte abgeben und diese Ringe verwenden. Wir hatten nicht einmal Zeit, unsere Daten darauf zu spielen. Damit ist der Speicher des Rings komplett leer.

Ich tippe doppelt auf das Metallband, der Holoemitter erwacht zum Leben und lässt die Anzeige des Startschirms über meinem Arm schweben. Ich starre darauf, sehe die Uhrzeit und seufze. Wir sind vier Stunden unterwegs, vier werden es noch. Nicht die drei Tage, die Armstrong und seine Nachfolger gebraucht haben, aber für meinen Geschmack viel zu lange. Und nun wacht auch noch mein Sitznachbar aus seinem komatösen Schlaf auf.

Jens Hammerschmidt ist Schriftsteller und möchte die nächsten fünf Jahre ein Grundeinkommen an Geld und Erfahrung verdienen, von dem er die folgenden Jahre zehren und in Ruhe an seinem großen Roman schreiben kann. Zumindest hat er mir das vor seinem Schnarchkonzert ungefragt an den Kopf geworfen.

Ich schließe die Augen und stelle mir erneut die Fragen, die mir seit dem Start immer wieder durch den Kopf gehen: Wie stehen eigentlich meine Chancen? Ich habe keinen Fluchtplan, verlasse mich vollends auf mein Können und Glück. Wie habe ich denn vor zurückzukehren? Ein Schiff erbeuten? Wie oft fliegt denn dieses Shuttle den Mond an? Verfluchte Übereifrigkeit. Seit vier Jahren bin ich allein und noch immer schaffe ich es nicht, mich zu zügeln.

Ich schaue leicht nach links. Hammerschmidt streckt sich und renkt sich dabei beinahe den Kiefer aus. Vielleicht sollte ich ihn nicht so abweisen. Ich werde einen Freund brauchen, auf den ich mich verlassen kann. Aber ist es wirklich dieser schmächtige Möchtegernpoet?

Ich schaue mich um, sehe Halbglatzen, breite Schultern, grimmige entschlossene Gesichter. Andere sind dünn und schmächtig, dicke Tränensäcke und tiefe Falten verraten schon, warum sie hier sind. Wie sie in einem Bergwerk überleben wollen, ist mir schleierhaft. Bei den Gestalten wunderte es mich nicht, wenn sie den Mond nicht überleben würden.

Bitter, aber wahr.

Aber die Hinterbliebenen, die ich besucht habe, zeigten mir Bilder von jungen, sportlichen Glücksjägern. Körperliches Gebrechen kann die Ursache nicht sein. Ein Einsturz, bei dem mehrere Arbeiter gleichzeitig umgekommen sein könnten, fiel auch aus, denn die Todesdaten stimmten nicht überein. Ich schüttle den Kopf. Wenn das Ganze aus der Ferne erklärbar wäre, würde ich nicht hier sitzen. Ich drehe mich zu meinem Sitznachbarn, seufze innerlich und frage: »Gut geträumt?«

Er lächelt, freut sich wirklich über mein Interesse. Seine Augen strahlen mich an, als wäre ich der Weihnachtsmann. Und dann beginnt er zu erzählen.

 

»Alle mal herhören«, sagt der Flugbegleiter und stoppt Jens, der mir seinen Traum in Echtzeit erzählt hat. Sein Glück, denn ich hätte ihn jeden Moment erwürgt.

»Wir werden gleich landen, also genießt den Ausblick.«

Das würde ich ja tun, nur sitze ich am Gang und müsste mich über Jens beugen. Der macht sich zwar extra dünn, aber ich habe keine Lust, ihm näher zu kommen als nötig.

Monumente, Bilder, schöner Himmel. All das hatte mich noch nie interessiert. In den letzten Jahren unserer Ehe hatte ich mich eher daran gewöhnt, Ausschau nach solchen Dingen zu halten, damit ich Katharina davon berichten konnte. Es brachte sie immer zum lächeln.

»Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen«, sagte sie dann oft und das reichte mir als Grund, mich für den ganzen ach so tollen Kram zu interessieren, einfach nur für sie.

Doch Tote begeistern sich für nichts mehr und mit ihr ist mein Interesse gestorben.

»Jetzt schau doch mal«, fordert Jens.

Ich schüttle den Kopf, presse die Zähne zusammen, bis der Stich in meinem Herzen verschwindet. Ich muss mich konzentrieren, kann jetzt nicht trauern oder schlimmer noch: wütend werden. Ich hätte es verhindern können, hätte einfach nur …

»Schnallt euch an, gleich geht es abwärts. Ihr solltet zwar nichts spüren, doch unsere Gravitonplatten könnten durch die Mondschwerkraft beeinträchtigt werden. Ihr wollt doch sicher heil ankommen.«

Wollen? Eher sollen. Schließlich bezahlt der Konzern uns nicht dafür, dass wir mit gebrochenen Knochen herumliegen. Der Möchtegernpoet neben mir schnallt sich eifrig an und starrt, wie befohlen, gespannt aus dem Fenster.

Es dauert keine Minute, da bewegt sich mein Magen nach oben, als wolle er aus meinem Mund klettern. Nur kurz, dann springen die Gravitonplatten wieder an. Beinahe hätte ich die braune Papiertüte vor mir gebraucht, aber nach vier tiefen Atemzügen geht es wieder. Jens neben mir hat weniger Erfolg. Er reiert kräftig sein Sandwich aus und zuckt dann noch drei Mal zusammen, bevor er das Taschentuch annimmt, das ich ihm entgegenhalte.

»Danke«, röchelt er, während das Schiff auf die Mondbasis zufliegt. Ich schaue über meinen Sitznachbarn hinweg und sehe die graue pockennarbige Oberfläche des Mondes.

Wir scheinen unsere Zielposition erreicht zu haben, aber ich sehe nur einen Metallring, durch den unser Shuttle mühelos fliegen kann. Darin öffnet sich gerade die Iris, um uns hereinzulassen. »Home Sweet Home«, murmle ich und Jens schaut nun auch aus dem Fenster.

»Das ist alles?«

Ich nicke. »Der Rest wird wohl unterirdisch sein.«

»Wieviele leben da gerade?«

Ich zucke mit den Schultern. Ich weiß von achtzehn vermissten Kumpel, keine Ahnung, wie oft der Konzern neue Leute rekrutiert und wieviele von denen noch leben. Ich hatte zumindest nur eine Woche warten müssen, bis sie meine Bewerbung angenommen hatten. Manchmal glaube ich, dass es viel zu schnell ging. Eine Woche warten, drei Tage Training für die Reise und schon ging es los. Meine Hoffnung ist, dass bei dem Tempo keine Zeit mehr für einen Backgroundcheck war oder haben sie mir doch einen Spitzel angeheftet?

Die braune Tüte zittert in Jens’ Händen. Der kleine, freundliche Möchtegernpoet — keine schlechte Tarnung.

Langsam verringert der Pilot die Höhe, es dauert fast eine Minute bis der Metallring an unserem Fenster vorbei ist und wir in den Hangar schauen können. Ich schätze, es könnten drei Shuttles gleichzeitig hier landen, sobald sie das Loch passiert haben. Doch ein Drittel des Hangars ist mit weißen Kanistern vollgestellt. Die enthalten dann wohl das abgebaute und verarbeitete Wasser. Mondwasser, mit wertvollen Mineralien, behauptet der Konzern. Leute, die diesen Schwachsinn glauben und dem Konzern ihr Geld in den Rachen werfen, gehören eingesperrt und ihr Geld sollte unter den Armen verteilt werden. Aber was weiß ich schon von Reichtum? Vielleicht braucht man ja ab einem gewissen Betrag auf dem Konto so einen Unsinn.

Mit einem Ruck landen wir auf dem Mond.

»Nehmt Eure Sachen und steigt aus. Wartet, bis ihr am Ende des Ausstiegs in Empfang genommen werdet.«

Wie Lemminge gehen wir brav die Stufen herunter und bilden eine Traube. Hinter uns schließt die Schleuse des Schiffs, gleichzeitig öffnet sich eine Rampe im Heck des Shuttles und schon werden die ersten Kanister mit einem Gabelstapler hineingefahren. Ich beobachte das Schauspiel einen Moment und merke mir die Abläufe. Niemand hält Wache an der Luke, es sollte also möglich sein, sich hineinzuschleichen. Das könnte ausreichen, wenn es nötig ist.

»Guten Tag, meine Herren«, ruft ein Mann in schwarzem Overall. Das Holodisplay seines Rings schwebt über seinem Arm, während er wild herumwischt. Dann sehe ich zwölf Gesichter in drei Reihen, Details erkenne ich nicht, genauso wenig, wie die Schrift unter jedem Bild, aber ich wette, es handelt sich um uns, die Liste der Neuankömmlinge.

»Mein Name ist Victor Menke, ich bin euer Einweiser und Vorarbeiter«, sagt er, während er die Bilder mit den Personen vor sich abgleicht.

Weiß der Konzern, wer ich bin? Sein Blick scheint eine Sekunde länger auf mir zu ruhen, als bei den anderen. Nein, nicht ganz. Ein weiterer Mann scheint ebenfalls mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich folge dem Blick des Einweisers. Bulliger Typ, Glatze, trägt ›ne schwarze Lederjacke und blaue Jeans. Ich kann ihn nur im Profil sehen, doch seine Augen scheinen leicht zusammengekniffen. Wer ist der Kerl? Ich setze ihn auf meine mentale Liste. Ihm werde ich zuerst auf den Zahn fühlen, irgendwie …

Der Einweiser fährt fort: »Ihr habt alle Konzernringe. Aus Sicherheitsgründen sind sie so eingestellt, dass ihr sie nicht mehr abnehmen könnt.«

»Was soll denn der Scheiß?«, fragt der Glatzkopf. Der Einweiser wirkt kurz verwirrt. Dann antwortet er: »Der Ring ortet euch.«

Das könnte zu einem Problem werden.

»Und damit kann das Sicherheitssystem immer erkennen, ob noch wer im Raum ist. Ist billiger und genauer als Bewegungssensoren oder so. Außerdem steuert er den Zugang zu den verschiedenen Ebenen. Also müsst ihr das Ding eh ständig tragen. Klar?«

Zustimmendes Gemurmel.

»Gut. Aktiviert eure Ringe und habt ein Auge auf das Display, während ihr mir folgt.«

Wir tippen auf unsere Ringe und zwölf Displays schweben über zwölf Armen und zeigen eine Karte an. Darüber ein Pfeil, der grün ist. Ich drehe mich in Richtung Shuttle, die Anzahl der Fässer hat sich bereits deutlich minimiert.

»Der Pfeil zeigt standardmäßig zu eurem Quartier. Hier sieht alles gleich aus, also werdet ihr die Hilfe brauchen. Kommt jetzt!«

Jetzt erhältlich!

 

Gedankenspeicher

»Hätte mir jemand vor zwei Monaten gesagt, dass ich in einem Shuttle zum Mond sitzen werde, um Wasser in einem Bergwerk abzubauen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.«

E-Book erhältlich bei: Amazon

Oder als Taschenbuch unter anderem bei: AmazonHugendubelbücher.de